Samstag, 11. Juli 2026
Beipackzettelleser

In etwas über eine Stunde gehts los. Eine Beerdigung in "normaler Kleidung". Normal wäre heute: Kurze Hose, ein leichtes Shirt und vielleicht eine Mütze wegen viel Sonne. Und so ähnlich werde ich es auch handhaben, nur ohne Mütze. Ist eine Sonnenbrille pietätlos? Eigentlich nicht. Oder vielleicht doch? Was man sich für Gedanken macht bei so einer Sache...

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Heute morgen überlegt, ob ich endlich mal wieder laufen gehe. Aber da das Knie in der Nacht so ein gewisses Eigenleben führte (was auch daran lag, dass die kleine Katze gar nicht mehr so klein war, als sie sich im Bett ausstreckte und ich mein Knie deshalb in ungewohnte Winkel biegen musste) lass ich das lieber. Vielleicht ein bisschen aufs Rad am Mittag. Mal sehen. Wenn nichts passiert, passiert eben nichts. Das wäre in diesen Tagen auch mal ganz nett... wenn nichts passiert, denn der Wahnsinn ist allgegenwärtig und macht mir mittlerweile schlechte Laune. Ich würde mich gerne zurück- und rausnehmen, habe das auch kommuniziert, aber das geht nicht so einfach. Das nervt sehr, es bringt aber nichts, wenn ich genervt bin und noch weniger bringt es etwas, wenn ich das andere spüren lasse. Vor allem wenn das Leute sind, deren Nerven ohnehin bis hart an die Grenze angespannt sind. Also gönne ich mir heute mal ein bisschen "Freizeit" (mit einer Beerdigung... absurd) und steige morgen wieder in das Spiel der Irren ein.

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Mal auf die Schnelle nach den Tabletten gegoogelt, die meine Mutter ab nächste Woche einnehmen soll. Puh. Das ist schon eine andere Kategorie als Aspirin... Da wird es einem alten Beipackzettelleser wie mir schon etwas mulmig.

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Solarlichtinferno

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Freitag, 10. Juli 2026
Hundewelpenmilcheinschuss

Der Wasserhahn im Bad ist getauscht. Das klingt so lapidar, aber das ist tatsächlich erst der zweite Wasserhahn, den ich im Laufe meines langen Lebens getauscht habe. Entsprechend lange hat es gedauert, vor allem das Entfernen des alten Krams. Am Ende hat es geklappt, das Wasser fließt da, wo es soll und bisher sifft es nirgends. Bin schon ein bisschen stolz.

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Nachher gehts zum vorerst letzten Krankenbesuch ins Krankenhaus. Übers Wochenende gehen andere hin und am Montag kommt der Patient nach Hause. Das wird spannend. Klappt alles? Wie ist das mit der Hilfskraft? Überhaupt: Wie ist die Hilfskraft so? Es gibt - natürlich, wir reden vom semi-medizinischen Bereich - Sprachbarrieren. Ich habe ein altes Tablet aus der hintersten Ecke gezogen, dort Google Translator installiert (und alles andere runter... die zukünftigen User sind alles keine Digital Natives) und nun lädt es fleissig vor sich hin. Über 85 Prozent scheint es nicht mehr zu kommen, aber nun denn.

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Morgen Vormittag ist die Beerdigung. Es wird eine sehr große Beerdigung werden mit sehr sehr vielen Menschen. Eigentlich so eine Art großes Wiedersehen mit alten Bekannten und Leuten, die man schon ewig nicht mehr gesehen hat oder auch einfach so zu selten sieht. Wäre nur der Anlass nicht ein so beschissener.

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Die Nachbarn haben jetzt einen Hund. Einen Welpen. Die Nachbarn am dort direkt angrenzenden Grundstück haben auch einen Hund. Der ist schon etwas größer. Und nun ist hier aufgeregtes Gebelle. Den ganzen Tag. Ständig. Außer der Welpe ist mal völlig platt und muss schlafen. Ansonsten wird aber ausgiebig gebellt. Puh. Anstrengend. Die Besitzerinnen der Hunde scheint das freudige und laute Gebelle nicht zu stören. Der Milcheinschuss ob des süßen Welpen überdeckt alles.

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Hab ich das mit dem Wasserhahn erwähnt? Er scheint tatsächlich korrekt angeschlossen zu sein. Zeichen und Wunder und so.

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Donnerstag, 9. Juli 2026
Anzughosenanlässe

Um kurz vor Mitternacht ins Bett, um kurz vor Fünf aufgewacht. Das war nix. So richtig wach war und bin ich nicht, aber schlafen ging auch nicht mehr. Das wird bestimmt ein ganz wunderbarer Tag.

Wahrscheinlich hat es noch innerlich in mir rumort, weil die seltsamen Ideen ob der Krankheiten meiner Eltern werden nicht weniger. So ziemlich jeder gibt seinen Senf dazu und das meiste davon ist kein Dijon.

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Oft ist sie nicht im Einsatz, die Anzughose. Somit hatten die Motten viel Zeit, das eine oder andere Loch reinzufuttern. Bemerkt habe ich es erst, als es zu spät und kein adäquater Ersatz zur Hand war. Es fiel nicht weiter auf, es standen andere im Rampenlicht und die sahen alle ganz wunderbar aus.

Die Hose werde ich entsorgen, natürlich, und dann braucht es einen Ersatz. Allerdings erst, wenn es akut wird, wenn der nächste Anzughosenanlass ansteht. Ich hoffe, es ist keine Beerdigung.

Apropos: Am Samstag ist eine. Allerdings ist quasi "Anzugverbot", was bei den anstehenden Temperaturen eine gute Sache ist. Es hätte auch nicht zum Verstorbenen gepasst. Ich wüsste nicht, dass ich ihn jemals im Anzug gesehen habe und er mich sicher auch nicht. Also kein Anzug, stattdessen "ganz normal anziehen". Es wird spannend, wie unterschiedlich "ganz normal" interpretiert werden wird.

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Es gibt auch gute Nachrichten: Eventuell bin ich in zwei bis drei Monaten wieder (Auto)mobil. Wobei... bin ich ja im Moment eigentlich auch, aber dieses riesige Schiff, das mein Vater "Auto" nennt, macht so gar keinen Spaß. Und riecht nach diesen Duft-"Dosen", die ich überall im Wageninneren gefunden und entsorgt habe.

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Mittwoch, 8. Juli 2026
Was man halt an freien Tagen so macht...

Freier Tag, trotzdem um halb Sechs wach. Tja.

Freier Tag ist relativ zu sehen; es ist ein Tag ohne Lohnarbeit, ansonsten steht aber genug auf dem Programm. Der Start wird eine Fahrt in die Stadt sein. Meine Mutter hat einen Termin bei Ärzten, die mit ihr die anstehende Immuntherapie besprechen werden und weil meine Mutter komplett neben sich steht, werde ich zum einen fahren, zum anderen aber auch bei der Besprechung dabei sein, um etwaige Fragen zu stellen und um einfach auch da zu sein. Die Situation ist herausfordernd.

Je nachdem wie lange das dauert, würden wir direkt weiterfahren in die andere Stadt, um im dortigen Krankenhaus nach meinem Vater zu schauen. Hier überschlagen sich die Ereignisse, denn aktueller Stand ist, dass er am Montag nach Hause kommt. Wie das dort funktionieren soll, ist fraglich, aber für das Krankenhaus uninteressant. Dieses System ist kaputt, aber das wissen wir ja schon eine Weile. Interessiert nur nicht weiter. Am Montag kommt nun also dieser schwere, nicht mobile Mann nach Hause, wo er nicht alleine zur Toilette kann, versorgt von einer Frau, die mit Rollator unterwegs ist, ein völlig kaputtes Knie und Krebs hat. Was soll da schon schiefgehen.

Am Nachmittag wäre ein Mittagsschlaf nicht schlecht, denn ich bin platt. Die Erkältung ist weiterhin da und mir fehlt das Laufen. In den Baumarkt möchte ich auch noch; ein Badarmatur wäre der Artikel, den ich mir gönnen möchte. Meine sifft nämlich und das ist nicht gut. Eigentlich läge der Baumarkt auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause, aber ich weiß nicht, ob meine Mutter noch die Muse hat, mit mir im Baumarkt shoppen zu gehen. Man wird sehen.

Und am Abend ein offizieller Anlass: Schulverabschiedungsgedöns. Das wird wahrscheinlich langweilig, man sollte nicht komplett underdressed erscheinen und warm wird es im "Bürgerzentrum" wahrscheinlich auch sein. Immerhin gibt es im Anschluss Fingerfood und weil ein paar noch ältere Menschen als ich dabei sein, stehen die Chancen für einen frühen Aufbruch gar nicht schlecht.

...was man halt an freien Tagen so macht.

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Dienstag, 7. Juli 2026
Besuchszeit

Im Liegen ist es ein Drama, da sieht er aus wie nach einem kürzlich erlittenen Schlaganfall. Im Sitzen, so scheint es, ordnet sich alles, die Organe rutschen an ihren angestammten Platz und atmen ist wieder möglich. Der Weg zum Sitzen ist allerdings noch ein anstrengender. Für alle Beteiligten. Aber das Ziel ist, dass das von Tag zu Tag besser wird.

Die Therapeutin kommt und er muss aufstehen. Der massige Körper wird dazu ein paar Mal vor und zurück geschwungen, die Wucht des letzten Schwungs dann genutzt, um auf die Beine zu kommen. Den Rollator fest im Griff sollen nun die Beine nacheinander gehoben werden. Nach der dritten Wiederholung mit Blick in den Spiegel, damit der Oberkörper sich aufrichtet. Gegen Ende klappt das alles ganz gut, die Therapeutin ist zufrieden und auch der Bettnachbar schaut anerkennend. Mein Scherz, dass sie bald für die Nationalmannschaft spielen könnten, wenn sie so weiter trainierten, denn viel schlechter wären sie sicher auch nicht, wird schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Erst später fällt mir ein, wie unpassend das war, hat der Bettnachbar doch nur noch ein Bein. In einem Krankenhaus muss man auf alles gefasst sein. Mit der Nationalmannschaftskarriere wird es also eher nichts; da könnte auch ein Anruf von Fritze Merz nichts ausrichten.

Irgendwann kommt doch noch eine junge Ärztin und erläutert den Stand der Dinge. Endlich gibt es Informationen und vor allem sind einige Ängste nun passé. Von gut kann weiterhin keine Rede sein, aber die Zeit der Panik ist vorerst mal vorbei. Nun gilt es am Status Quo zu arbeiten, die Basis zu verbessern, Grundlagen zu schaffen, an denen man zuhause weiterarbeiten kann. Auch hier gilt es, den Schwung des Schocks mitzunehmen, Dinge anzugehen, die vorher noch abgetan wurden sind nun im Gespräch und vielleicht hat das Ganze dann doch sein Gutes. Man wird sehen.

Der Körper arbeitet auch in anderen Belangen auf Sparflamme. Deshalb gab es ein unscheinbares Tütchen mit einem Pulver, welches man in Wasser aufgelöst zu sich nehmen solle. Er ist also soweit sich auch diesbezüglich helfen zu lassen. Der Bettnachbar sagt, dass sei auch bei ihm ein Problem gewesen. Er erläutert das sehr anschaulich, auch den Einsatz des Fingers der Pflegerin. Man war geneigt, ihm zur erfolgreichen Behandlung zu gratulieren, aber nach dem Fußball-Faux-Pas habe ich das lieber unterlassen. Ob das Pulver seine Wirkung entfaltet hat, werde ich heute erfahren. Hoffentlich nicht in so schillernden Farben, aber interessieren tut es mich schon.

Am Abend kommt ein Foto via WhatsApp. Er sitzt am Bettrand (er soll das unbedingt auch so tagsüber immer wieder üben, meinte die Therapeutin), ganz stolz. Eine asiatische Pflegerin, seine Lieblingspflegerin macht einen Selfie mit ihm und er lächelt. Wie schön.

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